Shanzhai oder eine kurze Geschichte des Plagiats
Er heisst Ma, oder Li. Er kommt aus einem Dorf in Anhui. Seine Eltern hatten nicht genug zu essen, litten unter dem großen Sprung, der Kulturrevolution, der Bodenreform, dann der Verschmutzung, und jetzt der Übersäuerung der Böden.
Seit 2005 stellt er in einer Hinterhoffabrik in einem der neuen endlosen Industrieparks gefälschte Nikes für den Weltmarkt her. Formelle Ausbildung hat er keine. Er hat das Glück, statt vor einer schlecht beleuchteten Werkbank, in einem Plastik-Chefsessel mit Massagefunktion sitzen zu können.
Einen kreativen Schaffensprozess hat er nie erlebt. Er geht mit einer vom Mao-Kommunismus so verehrten Bauernmentalität an sein Werk, ein bisschen Wasser und Sonne für die Arbeiter müsste reichen. Dann noch das Saatgut in der Form von Stoffen, Schnürbändern, Gummisohlen. Wäre er Bauer, so hätten ihm seine Großeltern gerne ihr jahrtausende altes Wissen über die Reissorten und Bewässerungsmethoden geteilt. Aber von Weltmarkt, Rechten an Geschmacksmustern, Angebot und Nachfrage konnten sie ihm nicht viel erzählen. Damals, als er seine Produktlinien bestimmte, lud er eine der ehemaligen Näherinnen einer Nike-Fabrik ein, um ihr unschätzbares Wissen, welche Produkte Westler kaufen würden, mit der Firma zu teilen.
Vor ungefähr drei Monaten kam mal ein freundlicher, aber bestimmter Provinzbeamte vorbei. Von dessen Gerede über Expo, Öffnung, Hightech-Entwicklung und Crackdown gegen gefälschte Produkte (Li’s Schuhe, so fand dieser, waren ja nicht “falsch”, man konnte sie anziehen, benutzen, waschen, ja sie waren nichtmal besonders hässlich) verstand der arme Exbauer kaum etwas. Beim Unterzeichnen einer Abmahnung, er würde vom heutigen Tage an keine Fälschungen mehr produzieren, fühlte er sich trotzdem mulmig. Der Himmel hatte wohl dem Roten Kaiser in Peking aufgetragen, etwas, das er nicht verstand, gegen ihn zu unternehmen. Er ging nun tagtäglich noch gründlicher durch seine Fabrik und stellte sicher, dass auch wirklich keiner der Näherinnen “falsche” Schuhe machte. “Eine falsche Naht”, liess er in großen roten Zeichen an die Wand schreiben, “ein Tag kein Lohn”. Er hoffte inbrünstig, seine Arbeiter würden ihn verstehen.
Denn er hatte andere Sorgen. Wenn er seine Kisten voller Schuhe nicht mehr wöchentlich an die Transportfirmen übergeben könnte, würde ihm das Geld fehlen, seine beiden Töchter an die brandneue Provinzschule schicken zu können. Sie würden mit 18 heiraten, nicht auf die Uni gehen. Was er aufgebaut hat, wäre in kürze verpufft.
Letzte Woche wurde seine Fabrik geschlossen. Ein ehemaliger Mitarbeiter hatte Nike einen Tip gegeben und wurde dafür reich belohnt. Li zahlte die letzten Löhne nicht aus, sondern unterschlug sie und plante damit in der Nachbarprovinz den Neuaufbau einer Firma mit ähnlichem Geschäftsmodell. Seine Töchter kamen dort aber mit dem neuen Umfeld nicht zurecht, verschwanden von zu Hause und heirateten bald den jeweils nächstbesten Lümmel.
Sie werden auch in 10 Jahren noch gefälschte Klamotten herstellen! Dabei hätten sie so gerne Design studiert und später ihre eigenen Ideen realisiert.
Seit gut 300 Jahren kennt unser Rechtssystem eine Berücksichtigung der Täterperson und seiner Lebensumstände bei der Festlegung der Strafe. Im selben Sinne sollten wir über den Chinesen urteilen, der Rechte verletzt, die er nicht im Ansatz verstehen kann.
P.S.: Shan’zhai (山寨), mit der Bedeutung “Bergdorf”, hat sich in China mittlerweile als Sammelwort für die vielen im Inland produzierten, qualitativ minderwertigen Nachbauten westlicher Produkte etabliert. Es ist recht negativ belegt und stände in einer semantischen Tagcloud wohl dicht zwischen “Dorftrottel”, “Rückständigkeit” und “Hinterwäldlertum”.
Leave a Reply