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Something else

January 22nd, 2011 me

Geschrieben 2008, als es mir recht miserabel ging. Danach nicht fortgesetzt, aber vielleicht sollte ich?

Das violette Hintergrundleuchten der Atmosphäre Miroks tauchte seinen Nachthimmel in einen geheimnisvollen Schleier. Der Himmel war wolkenlos, liess den abertausenden Sternen und den beiden Monden, E’ul und E’um, freie Bühne für ihr allnächtliches Schauspiel. E’uls hellblaues Leuchten überstrahlte E’um bei weitem, dessen dunkles Gestein die Sonnenstrahlen schluckte und ihn nur wie einen traurigen, zurückhaltenden Begleiter erscheinen liess.

Vor etwa hundert Jahren, während der goldenen Ära der Mondbesiedelung, konnte man auf E’um noch ein Netz aus Lichtern erkennen, als seine Metropolen noch florierten und immer größere Bauprojekte in Angriff genommen wurden. Mit dem plötzlichen Ausbleiben von Handelsschiffen aus der Mutterkolonie im Ceres-System kam es jedoch zu einer Massepleite von E’ums Unternehmen, so dass, um soziale Unruhen zu vermeiden, die Kolonie aufgegeben wurde, jeder Siedler eine Freikarte zum nächstgelegenen System erhielt und nur kleine Arbeitstrupps zurückblieben, die die Verschrottung noch brauchbarer Teile leiten und Plünderungen verhindern sollte. Mit dem Zusammenbruch des planetaren Stromnetzes war auch die Stadtbeleuchtung ausgefallen, und so konnte man nur noch mit einem Teleskop in einer Vollmondnacht die Prachtstätte von einst erkennen.

Auch sein Mutterplanet hatte eine sehr wechselhafte Geschichte durchgemacht, nach seiner Kolonisierung vor einigen Jahrhunderten zunächst als Handelsknoten fungiert, an dem die großen Frachter Pausen auf ihren jahrzehntelangen Reisen einlegten, dann aber nach dem plötzlichen Zusammenbruch der interplanetaren Wirtschaft viele Unruhen erlebt, bis er schliesslich auf ein größtenteils agrarisches Leben zurückfiel. Wer konnte, verließ damals das sinkende Schiff, investierte sein Vermögen für einen Platz auf den letzten Frachtern, die das System verließen, und suchte sein Glück in der Ferne. Viele konnten nicht, sahen Banden von Verzweifelten die Städte plündern, den Ausbruch von Seuchen, die steigende Korruption der verbleibenden Beamten. Einige zogen sich aufs Land zurück, andere blieben, nutzten die Hochhäuser von einst als Handelsstützpunkte für die Produkte des Umlands. Die Natur begann, sich von den Bürden der blitzartigen Industrialisierung von einst zu erholen, Fabriken überwucherten, Städte wurden zu Wäldern, die Urwälder von einst dehnten sich wieder aus. Die heftigen, langen Jahreszeiten des großen, äquatorialen Kontinents unterstützten diesen Prozess, denn jede Pflanze hatte eine Winter- und eine Sommerform, die jeder Art eine ganz besondere Anpassungsfähigkeit verlieh.

Miroks Winternächte waren unheimlich kalt. Auf den faserigen, tellergroßen Blättern seiner uralten Bäume bildeten sich Eisblumen, in deren verschlungenen Mustern sich das schwache violette Licht verfing und den Wald zu einem Spiegel des Nachthimmels werden liess. Wie dunkle Schatten ragten am Horizont die Ausläufer des zentralen Gebirges hervor, dessen spitze Formationen zum Stoff von Legenden wurden, die sich die Bauern abends am Feuer erzählten.

Erin sass auf dem Dach seiner Scheune und dachte nach. Seine Ernte letzten Herbst war miserabel verlaufen. Das Saatgut, dass ihm von der Lokalverwaltung zugeteilt wurde, war alt und aufgekeimt gewesen, er hatte sich beschweren wollen, aber fand kein offenes Ohr. “Alles, was wir Ihnen geben konnten, haben Sie bekommen” sagte man ihm, “seit dem Zusammenbruch des Handels müssen wir alles rationieren”. Hergekommen war er, weil er sich ein besseres Leben versprach. Weil er sich wünschte, den Schmerz der Vergangenheit hinter sich lassen zu können, das eingepferchte Leben als Techniker an Bord eines Frachters, die Einsamkeit unter den Sternen, die Kälte der technischen Umgebung. Er hatte sich ein Stück Land gekauft, es mit seiner Frau und seinen Kindern bearbeitet, gepflügt, besäht, gepflegt, geernet und damit einen guten Lebensunterhalt verdient. Die graubraunen, fingerdicken verästelten Wurzeln, die er anbaute, konnten getrocknet werden, und sie erziehlten damals auf dem Markt einen gehörigen Preis, da vor allem die Frachtercrews die lange Haltbarkeit und Nährstoffreiche zu schätzen wussten.

Fünfzehn Jahre war er nun hier, hatte die Euphorie der ersten Siedler, die Versprechungen der Kolonialbehörden, den Aufschwung erlebt, aber dann auch die Pleiten gesehen, die große Rezession, und dann den plötzlichen Zusammbruch des interplanetaren Handels. Erlebt, wie sein neuer Heimatplanet plötzlich auf sich allein gestellt war. Niemand dachte schon beim Wachstum an das Ende. Erin wusste, dass er seine Frau und seine Kinder nicht wiedersehen würde. Drei Jahre war schon kein Frachter mehr angekommen, und als er ihnen vor fünf Jahren versprach, nachzukommen oder zumindest in Kontakt zu bleiben, hatte er weder mit dem Zusammenbruch des Transportnetzwerks noch mit dem Verlust des Funkkontakts gerechnet.

Konfrontiert damit, hier bleiben zu müssen, hatte er die Farm ausgebaut, Leute eingestellt, und er war zeitweise glücklich darüber, wenigstens diesen Menschen eine Zukunftsperspektive bieten zu können. Die Ergebnisse seiner letzten Ernte machten ihm aber auch klar, dass er viele seiner jetzigen Mitarbeiter nicht weiter einstellen konnte. Er fragte sich, was er in seinem Leben eigentlich geschafft hatte. Ob es noch Dinge gab, die er erreichen wollte und konnte. Oder ob es von jetzt an wirklich nur noch bergab ging, er nur noch darauf warten durfte, dass sein Hof von den sich immer sicherer fühlenden Guerillas geplündert und niedergebrannt werden würde und er sich dann in den wachsenden Slums in der nächstbesten Stadt begeben musste. Er hohlte seine Thermoskanne aus seinem Tagesrucksack und trank ein wenig Wurzeltee. Der erdige, samtige Geschmack des immernoch heißen Gebräus errinerte ihn an die großen Tage seiner Farm, und er vergaß seine Ängste und Grübeleien ein wenig. Er schaute in die Ferne, wo hinter den riesigen Feldern die Lichter der nächsten Dörfer zu erkennen waren.

Nebel stieg über diesen Feldern auf, und ein leichter Wind wehte über das Land, frostig, aber in seiner Kälte auch erfrischend. Vielleicht eine Vorahnung, auf die Veränderungen, die schon bald herein brechen würden.