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Die Rolle der Zensur in China

Es ist ein zuhauf diskutiertes Thema, aber leider auch im Westen meist aus einer einseitigen Perspektive gesehen: Die Zensur in China. Jene HTTP-Stop-Pakete, die Ciscos zuverlässige Cluster in Pekings Backboneroutern täglich millionenfach versenden, die Bücher, die ohne Vorwarnung von den Regalen genommen werden (was ich persönlich erleben durfte), die plötzlich fehlenden Tonspuren in CNN-Übertragungen, das nun permanent tote Youtube und die seltsam verkürtzten Ergebnisse bei Google.

Wir haben es bei China mit einem Land zu tun, dass von 1949 bis 1970 von einem wenig gebildeten, rachsüchtigen Bauern regiert wurde, den zwar heute keiner mehr leiden kann, aber der ausser auf Geldscheinen sowie in meterhoch betonierter Form als Maskottchen jeder Universität noch mehr Einfluss auf das tägliche Leben der Menschen hat als irgendwer sonst. Zwei Jahrzehnte wurde das Land durch seine Machenschaften geprägt – verständlich, dass es den Begriff der “verlorenen Generation” gibt. Sogar das knallrote Blatt “China Global Times” attestiert seiner Regierung mittlerweile, “to have commited more crimes on ourselves than any foreign power did”.

Jetzt leben wir jedoch im Informationszeitalter. Stimmungen, Meinungen, Emotionen, persönliche Eindrücke und subjektive Erlebnisse, die Herr Wang in eines der tausenden BBSe schreibt, kann Herr Ma in sekundenschnelle abrufen. Herr Ma aus der Provinz ist allerdings, wie nicht wenige andere auch (zur Erinnerung: Jeder siebte Mensch dieses Planeten ist Bauer in China), während der Kulturrevolution zur Kritik an jeglichem kritischen Denken erzogen worden. Weniger kommunistisch als vielmehr urkonfuzianisch ist sein verinnerlichter Glaube an den Wahrheitsgehalt des geschrieben Wortes (welches Jahrzehntelang ohnehin nur von oben stammte), dass er es nicht als Meinungsäußerung des Autors, sondern durch seine Existenz als Wort direkt als wahrheitsgebende Instanz versteht.

Im Zeitalter von User Generated Content eine gefährliche Denkweise, weil ein so undistanzierter Umgang mit den Äußerungen jedermanns in windeseile Schneeballphänomene produzieren kann, die ausser Kontrolle geraten und sich nicht nur als von Millionen getragene Mobbingkampagnen beispielsweise gegen jenen einen Lehrer (“Runner Fan”) aus Sichuan, der beim Erdbeben zuerst das eigene Leben retten wollte, manifestieren, sondern auch als plötzliches ultranationalistisches Aufmucken frustrierter Jugendlicher (auf Chinesisch “Fenqing”) gegen jedes Land, in dem ein einzelner dortiger Staatsbürger die Gefühle der großen roten Nation verletzt hat.

Ich sollte hier an die Worte des großen Nationsgründers Sun Yatsens errinnern: China muss auf dem Weg zur Demokratie, um den Schatten der fünftausendjährigen Kaiserherrschaft endlich abzulegen, durch eine Zeit des “großen Lernens” gehen (was er als “Erziehungsdiktatur” bezeichnete).

Es hilft China nicht, dass jeder Mensch mit einem Internetzugang seinen Senf zu allem geben kann, solange dieser Mensch Senf von Ketchup nicht unterscheiden kann. Im Gegenteil, denn er könnte damit anderen Menschen zum Glauben verhelfen, die beiden Sossen seien ein und dasselbe.

Was China also braucht, ist eine gehörige Portion kantscher Aufklärung anstatt noch mehr vom feudalen, unaufgeklärt-materialistischen Konfuziomarxismus. Und letzterer wird eben durch ein Internet voller unaufgeklärter, wütender Jugendlicher gefördert, da sie mit der Perspektive eines (verständlichen) Sozialneids blinde Wut auf den Westen entwickeln und sich gegenseitig aufstacheln. Was für die Sexualaufklärung im Kindesalter gilt, gilt auch für die politische Aufklärung von feudal denkenden Erwachsenen: zuviel Wissen auf einmal bringt das Weltbild aus dem Gleichgewicht, und kleine und große Kinder kommen in eine Trotzphase.

Und ganz am Rande: Ist Youtube ohne die zahlreichen rotnationalistischen Hasskommentare bei all den chinakritischen Videos nicht viel harmonischer?

Meine Sprachpartnerin meint ganz klar ja. Danke VPN.

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