.society:technology:china:life:literature:politics:economy.

Flight CA963

March 3rd, 2009 me

Es ist Montag, der zweite März 2009. Wieder sitze ich im Flieger nach Shanghai, der Perle des Orients, jener Stadt, die mir für eine Handvoll Träume die Dunkelheit und die wahre Tiefe unserer Existenz zeigte.

Es war jenes schüchternes Lächeln von Shi Yanyan, der jungen Literaturstudentin, dass ich mit dieser Stadt assozierte, der Geruch von Baozi in ihrem Dampf, von Aufstieg, aber auch von bodenlosen Fall, von Nacht, von Tag, und von jener Sehnsucht nach Ferne, die als mildes Kribbeln in den Fingern beginnt, sich die Arme hocharbeitet, bis sie wie ein Netz deine Haut bedeckt und dich dann in den Flieger steigen lässt. Eskapismus? Keine Spur. Ich will mit jeder Faser meines Seins diese Welt erfahren. Ich will sie anfassen, sie festhalten, sie spüren. Sie sehen, mehr, ja in ihr aufgehen. Die Welt wird klein und die Wolken empfangen uns. Noch herrscht Zwielicht.

Langsam schaltet der Flieger seine Innenbeleuchtung herunter. Es ist jetzt Nacht. Die kühle Luft aus der Deckenkonsole streicht einem übers Gesicht, und das gelegentliche Tuscheln der Nachbarn verstummt langsam hinter dem allgegenwärtigen Rauschen des Antriebs. Meine Nachbarin, eine alte Bekannte, mit der ich zufällig den Flieger teile, hat der Halbschlaf übermannt. Sie umarmt ihr Kissen und träumt von Menschen, die einst ihr Leben bestimmten, und von jenen, die dies einst tun werden.

Aus ihren Kopfhörern tönt PODs “Youth of a Nation”. Ich bin zur Zeit irgendwo über Sibirien und frage mich, ob die Zeit gerade still steht. Es ist 6 Uhr Shanghaier Ortszeit, und die Gleichmässigkeit meiner Umgebung übt diese hypnotische Kraft aus, die ich am Fliegen so liebe.

Minuten, nein Stunden später erwache ich aus dem Halbschlaf. Die Monitore im Mittelgang hängen klapprig von der Decke und zeigen Werbevideos für dunklen chinesischen Reisschnaps. Der übel-süße Geruch von Hongjiu liegt mir in der Nase, doch die Schönheiten, die sich an einer überdimensionalen Flasche räkeln, als ginge es um Softporno, lösen bei mir Unverständnis aus. Zweifellos, sex sells, aber hier ist kein Sex, keine Erotik, keine Energie, sondern ein Schiessbudenballett, getanzt von jungen überschminkten Prostituierten und amateurhaft explodierenden 3D-Buchstaben. Ich höre den Sprecher nicht, denke aber doch ein wenig an Jamba.

Etwas später schlägt meine Nachbarin die Augen auf. “Die Sehnsucht packte mich”, sagt sie. “Ich musste zurück nach China”. Sie wohnt bei einem Kommilitonen in der Innenstadt. Wir wollen zusammen in die umliegenden Städte fahren und endlich mehr fotografieren. Menschen, planen wir. Nicht wie der typische Tourist, der aus Pflichtgefühl den Tempel fotographiert, den Fernsehturm und die Statuen, sondern die Einwohner, diejenigen, deren verschwitztes Angesicht, deren Tränen vor Glück und vor Verzweiflung die Zukunft dieses sich konstant wandelnden Landes mitgestalten werden. “Bu yao pai”, du darfst mich nicht fotographieren, sagen sie oft. Ist es Angst, Scham, oder Verwirrung? Misstrauen etwa, vor dem weissen Mann, der, aus dem Paradies, dem Westen kommend, in dieses rückwärtige Land reist, um gerade sie zu fotographieren? Der sein Umfeld der Glückseeligkeit, wurzelnd in seinem ökonomischen Überfluss, verlässt, ja für China eine Zeitlang aufgibt? Er muss verrückt sein.

Ich gehe im Gang auf und ab und suche nach etwas Wasser. Die Klimaanlage trocknet uns bis aufs letzte aus, meine Nachbarin hat auch Durst, auch ihre mittlerweile fünfte Partie Sudoku auf ihrem uralt-Palm hat sie nicht so recht zurück in den Schlaf geholt. Auf den Monitoren läuft eine chinesisch beuntertitelte Fassung des Musicalfilms Mama Mia. Dessen verzerrte SingOma-Gesichter wirken ohne Ton (und ich glaube sogar mit) ein wenig deplaziert und auch Pierce Brosnans Schmachtblick, der in Nahaufnahme von zwölf hinterinander aufgereihten Displays herunterscheint, kann hier, 3500 Kilometer vor Shanghai, keinen mehr überzeugen.

Und dann herrscht Ruhe. Die Stewardess serviert warmen Minztee, dessen Duft mich weckt, lange bevor sie mir lächelnd einen Becher reicht. Sie sieht aus wie sechzehn, ist aber wohl sechsundzwanzig. Der Teeduft errinert mich an die, die ich zu Hause liess, die mir Tee kochte und ihr Herz ausschüttete, über ihr Leihpferd und den Stress und die düstere Vergangenheit und die strahlende Zukunft. Ich trinke den Tee in einem Schluck aus, spüre seine stechende Klarheit und fühle mich eins mit der Zeit.

Es ist jetzt acht Uhr Ortszeit, ich fühle leichte Müdigkeit, wie ein wohliger Schatten, der mich langsam einnicken lässt.

Ich komme an, und die Stadt ist in ein anderes Licht getaucht, anders als jemals zuvor.